Eine Roman Vorstellung : Wasser auf die Mühlen?
Mit Teufelsg’walt, dem neuen Lisa-Nerz-Roman, geht SiK-Kolumnistin Christine Lehmann weiter ihre unbequemen, nicht stromlinienförmige Wege. Glücklicherweise. Sabina Schutter, selbst Soziologin und mit dem Thema von Lehmanns Roman befasst, weiß das Risiko richtig einzuschätzen …
Mit großen Eimern kippt Christine Lehmann in ihrem Roman Wasser auf die Mühlen der Jugendhilfegegner, plappert undifferenziert jede Agitation nach, und stempelt Kinderschutzpolitik mit einem Wisch als Kinderklau ab. Dieser Eindruck könnte bei Mit Teufelsg’walt zunächst entstehen. Denn der Roman spielt in Süddeutschland, wo traditionell die Bewegung der „Kinderrechtler“ groß ist und bereits in der Präambel weist die Autorin Ähnlichkeiten mit örtlichen Mitarbeiter/innen von sich. Mit Teufelsg’walt bringt alles mit sich, was ich in Kriminalromanen nicht mag: offensichtliche Politik, Instrumentalisierung von Kindern und er spielt in Stuttgart. Und nach der Lektüre will ich einen Urlaub in der schwäbischen Alb machen und empfehle den Roman jeder Jugendamtsmitarbeiterin, die ich treffe. Was ist hier passiert?
Quere kinderlose Journalistin setzt sich für Kindeswohl gefährdende Eltern ein und pauschalisiert mit ihrem Dackel das Jugendamt als geldgierige bürokratische und desorganisierte Behörde. Da brodelt in mir der Widerspruch. Zur Sache:
Die Journalistin Lisa Nerz wird nachts durch Kindergeschrei geweckt. Sie geht in die über ihr liegende Wohnung und ertappt zwei ASD-Mitarbeiterinnen, wie sie versuchen einer heillos verzweifelten Mutter den kleinen Sohn zu entreißen. Ihrem beherzten Einsatz ist zu „verdanken“, dass das Kind zunächst doch bei der Familie bleibt. Bei näherem Hinsehen wirkt Mutter jedoch tabletten- und alkoholsüchtig, die große Schwester cholerisch, der Kühlschrank leer, die Familie grenzenlos überfordert. Aha, Frau Nerz, haben wir vielleicht zu schnell den Gutmenschen gespielt? Nerz recherchiert über die Vorgehensweisen des Jugendamtes und findet schnell auf die Seite der Jugendamtsgegner verzweifelte Familien, denen unberechtigt die Kinder entrissen wurden, besserwisserische Behörden, unsensible Familiengerichte, Verfahrensverzögerungen, Ämterversagen. Eine Familienrichterin stirbt, eine Mutter bringt sich um. Lisa ist einem Komplott aus Kinderklau und Geldmacherei auf der Spur.
Stepptanz
Hier beginnt der Stepptanz der Christine Lehmann. Die rein introspektiv geschriebene Geschichte spielt mit jedem Vorurteil, das wir Leser mitbringen können. Wer schon immer misstrauisch gegen Behörden war, kriegt alles bestätigt, und muss sein Urteil revidieren, wenn er versoffene Mütter sieht. Wer schon immer einen Elternführerschein gefordert hat, sieht sich einem Vater gegenüber, der erst in seiner Verzweiflung über den Verlust seiner Kinder verrückt wird. Wir folgen Nerz zur ekligen Leiche einer kinderklauenden Familienrichterin, in den Sozialbau der ehemaligen Mehrkindfamilie, in die Kohlsuppenwohnung der Oma Scheible. Wir tänzeln mit dem Lebensabschnittsirrtum durch eine Kurzzeitfamilie und tändeln mit der Kellnerin. Und bei aller Auseinandersetzung mit dem eigenen Bias merken wir nicht, wie Lehmann uns zu einem furiosen Spannungsfinale, bei dem jeder Sat-1-Samstagskrimi einpacken kann, führt.
Kindesvernachlässigung ist ein brisantes Thema, und die Wiedergabe von Agitation – auch der vermeintliche Klartext, den die Protagonistin spricht (und Klartext hat seit dem Ex-Finanzsenator einen bitteren Beigeschmack) – ist ein riskantes Unterfangen. Lehmann hat sich der Herausforderung gestellt und sie bestmöglich bewältigt. Dass ihr dabei auch noch ein unterhaltsamer Roman gelungen ist, scheint fast wie Beiwerk.
Sabina Schutter
Christine Lehmann: Mit Teufelsg’walt. Roman. Hamburg: Ariadne im Argument Verlag 2009. 285 Seiten. 11,00 Euro.
Quelle :
www.titel-magazin.de/modules.php